Der Katholismus gibt sich selbst auf

Newsletter Nr. 48 – Organisierte Religion wird als politisches Werkzeug zusehends unbrauchbarer.

Dieser Text erschien am 2. April 2021 im Falter Think-Tank.

Es klingt angesichts der gepflegten Nähe der ÖVP zur Amtskirche paradox, dass der gläubige Katholik und Bundeskanzler Sebastian Kurz „mit Vollgas“ finanzielle Zuwendungen an seine Kirche reduzieren will. Der Umstand, dass diese Formulierung aus seinem Gespräch mit Thomas Schmid nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, zeigt, dass die oberflächliche Wahrnehmung des politischen Katholizismus  – oder besser Katholismus – verschoben ist.

Vorab ein Exkurs zum Islamismus. Der politische Islam wird gerne mit dem Etikett des nicht deckungsgleichen radikalen Islamismus überklebt, um unangenehme Begleiterscheinungen von der – im Umkehrschluss – unpolitischen Religion abzugrenzen und das Phänomen als eines dem Islam irgendwie verwandtes, aber doch außerhalb befindliches abzutrennen. Doch der Islamismus ist keine nicht-autorisierte Parallelveranstaltung, sondern durchzieht als disperse Teilmenge die Gemeinschaft der Muslime. Politisches Handeln organisierter Religion durch ihre Mitglieder ist naturgemäß nicht auf den Islam beschränkt, sondern Merkmal jeder religiösen Bewegung mit einer gewissen Breitenwirkung.

So agiert auch der Katholizismus hochpolitisch und man könnte und müsste wohl analog von Katholismus sprechen, wenn mit Religion Politik gemacht wird und umgekehrt Politiker religiös instrumentalisiert werden. Daran ist nichts neu oder gar überraschend; es ist die ganz normale machtpolitische Verdrillung aus Staat und Kirche, die in den 1930-er Jahren in Europa durch die Konkordate der faschistischen Staaten mit dem Heiligen Stuhl als neue Form der Partnerschaft von Republik und Religion etabliert wurde und als kooperatives Modell in der Postmoderne wirkt. Es ist ein Geben und Nehmen. Die katholische Kirche akzeptiert den Rückzug aus den Institutionen und wird dafür vom Staat als privilegierte Ideologie mit Sonderrechten und Subventionen alimentiert. Andere anerkannte Religionen nützen – etwas herabgesetzt – einen ähnlichen Status. Mit dem neuen Islamgesetz, das Anfang 2015 beschlossen wurde, versuchte die damalige Bundesregierung auch den Islam unter eine ähnliche Kuratel zu stellen.

Alleine es funktioniert nicht. Der Islam kooperiert nicht, unter anderem weil er über keine internationale Organisation verfügt. Dort, wo er im wörtlichen Sinn vorherrscht, braucht er auch keine, weil er mit dem jeweiligen Staat eine staatsreligiöse Einheit bildet. Diese Übereinstimmung mit einer Religion gibt es in Österreich schon seit Jahrhunderten nicht mehr, wohl aber ein durch Katholismus geprägtes staatsreligiöses Geflecht, das von gegenseitiger Beförderung geprägt ist und dessen asymmetrischen Charakter uns Sebastian Kurz selbst unlängst verdeutlicht hat.

Die christliche Soziallehre ist nicht viel mehr als eine theoretische Annäherung an die praktische Symbiose aus Staat und Kirche. In der öffentlichen Darstellung des kooperativen Modells wird seit Jahrzehnten ein einfaches aber wirkungsvolles Schauspiel inszeniert: Katholisten rechtfertigen die Bevorzugung religiöser Ideologien damit, dass Religionsgemeinschaften (gemeint ist aber nur die katholische Kirche) vermeintlich unersetzliche Leistungen für den Staat erbringen würden. Oder wie es die Religionsrechtler Brigitte Schinkele, Richard Potz und Herbert Kalb formulieren in ihrem Standardwerk “Religionsrecht” (S. 304):

„Auf der anderen Seite bedeuten die religionsgemeinschaftlichen Aktivitäten auf karitativen Gebieten, im Bereich der Bildung und Kultur sowie ihr Engagement um bestimmte ethische Standards ein – wenngleich nicht genau bezifferbares – entscheidendes Instrument der Legitimation ihres Status“, außerdem, „kompensieren die Religionsgemeinschaften staatliche Defizite und Unzulänglichkeiten.“

Diese Behauptungen erfolgen freilich ohne jeden Beleg und folgen einer nutzenorientierten Einschätzung, die an sich im Widerspruch zu Glaubens-, Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit steht, deren Garantie grundsätzlich an keinerlei Gegenleistung gebunden ist. Unabhängig davon werden sämtliche Leistungen, die kirchliche Organisationen für den Staat erbringen, ohnehin bezahlt. Die Caritas lebt von weltlichen Leistungsentgelten, nicht von Kirchenbeiträgen.
Das weiß freilich jeder christlich-soziale Politiker, der nicht völlig unter jahrzehntelanger Gutgläubigkeit leidet, sondern praktizierten Katholismus als Symbiose mit wechselseitigem Nutzen auslebt.

Allerdings schwindet dieser Nutzern mit dem Einfluss der Kirche. Auch wenn formal noch rund 56% der Bevölkerung römisch-katholisch sind – vor zehn Jahren waren es noch 2/3 –, finden sich darunter vorwiegend funktionale Agnostiker, die zwar vielleicht irgendetwas glauben, aber in erster Linie Ritualkonsumenten und Sakramentsverbraucher sind. Auf zu enge Verbindungen von Politikern zur Kirche, auf zu fundamentalistische Ausdrucksformen reagieren diese Kulturchristen und Taufscheinkatholiken, die längst im Diesseits angekommen sind, daher zusehends mit Befremden. Wenn Bundeskanzler Kurz mit Kardinal Schönborn eine rhythmisch-evangelikale Großveranstaltung in der Wiener Stadthalle besucht, löst das auch bei den Kirchenbeitragszahlern und -vermeidern eher Kopfschütteln als Wahlreflexe aus. Dasselbe gilt für adventliche Gebetsfeiern, wie sie der Präsident des Nationalrats Wolfgang Sobotka im Parlament Ende 2020 abgeführt hatte.

Die größer werdende Unbrauchbarkeit des Katholismus als politisches Werkzeug führt nun offensichtlich beim Bundeskanzler dazu, die Leistungsbereitschaft zu reduzieren. Ob dazu auch vorangegangene Kritik an seiner Politik durch die katholische Kirche beigetragen hat, ist insofern unerheblich, als sich Sebastian Kurz offensichtlich nicht davon bremsen lässt und beginnen wollte, der Religionsgemeinschaft ihre finanziellen Zuwendungen abzuräumen. Steuerprivilegien und Subventionen machen zwar nur ein kleinen Teil der bevorzugten Stellung aus, die vor allem im Bildungsbereich weit ausgebaut ist, aber auch dieser kleine Schnitt würde die Kirche schmerzen.

Vielleicht löst die unfreiwillige Demaskierung des Katholismus auch einen weiteren Nachdenkprozess aus, der sich auf die weiteren Abbau Privilegierungen von Religion im säkularen Staat bis hin zu echter Laizität erstreckt.

Alles Gute
Alm

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Die Gesellschaften Europas, in denen wir heute leben, werden zunehmend komplex. Ethnische, religiöse und kulturelle Konflikte durchziehen sie und machen eine Suche nach neuen Entwürfen des Zusammenlebens erforderlich. Will eine Gesellschaft kulturelle Vielfalt und Persönlichkeitsrechte unter einen Hut bringen, das zeigt Cinzia Sciuto in ihrem Buch, muss sie zwischen Staat und Religion unterscheiden. Sie muss laizistisch sein. Laizität ermöglicht den diversen Spielarten von Religionen und Weltsichten erst, in einer pluralistischen Gesellschaft nebeneinander zu existieren. Sie garantiert auf der einen Seite die Religionsfreiheit, gleichzeitig legt sie jedoch Prinzipien fest, von denen nicht abgewichen werden darf, auch nicht im Namen irgendeiner Gottheit. Laizität ist die vorpolitische Voraussetzung für ein ziviles Zusammenleben in einer komplexen Gesellschaft, in dem die Freiheiten und Menschenrechte von allen respektiert werden.

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